Was ich mir wünsche, dass andere über ein Leben mit Hashimoto wüssten

Jan 5, 2016

Jahrelang habe ich unter Symptomen gelitten, die meine Ärzte nicht zuordnen konnten. Schließlich fand ich einen Arzt, der bei mir ein Autoimmunerkankung der Schilddrüse diagnostizierte. Ich bin von einer unsichtbaren chronischen Krankheit namens Hashimoto Thyreoiditis betroffen, die nicht von meinem Umfeld wahr genommen werde kann. Häufig habe ich mir gewünscht, dass man es mir ansieht, wie krank ich mich fühle. Bei einem gebrochenen Fuß ist es meinen Freund klar, dass ich keine Bergtour gehen oder joggen gehen kann. Bei Hashimoto wird es häufig ausgelegt, dass ich nicht möchte, nicht dass ich nicht kann.

So habe ich einmal aufgeschrieben, was ich mir wünschen würde, dass andere über ein Leben mit Hashimoto wissen würden.

Man sieht vielleicht von außen gesund aus, aber ist es nicht.

Wenn du jemanden draußen triffst, mag es vielleicht nicht so wirken. Aber es kann sein, dass man zwei Sunden investiert hat, um hübsch und gesund auszusehen und die Anzeichen einer chronischen Krankheit wie Hashimoto zu überdecken (dunkle Augenringe, fahle Haut, trockene Haare, abgebrochene Nägel, geformte Augenbrauen). Manche Krankheiten kann man nicht offensichtlich am Äußeren erkennen. 

Manchmal ist es schrecklich, nicht zu wissen, wie es dir am nächsten Tag geht. 

Aus diesen Gründen ist es beinahe unmöglich zu planen. Viele Personen sehen es als selbstverständlich, dass sie morgens aufwachen und sich „normal“ fühlen, zur Arbeit gehen, Freunde treffen, ins Fitnessstudio gehen – so wie immer. Kämpfst du allerdings mit einer chronischen Krankheit wie Hashimoto, dann weißt du es einfach nicht. So anstelle von „Planung“ kommt dann „Hoffnung“. Du „hoffst“, dass du einfach aufwachst und dich so „ok“ fühlst. Du „hoffst“, dass du es durch den Arbeitstag schaffst. Du „hoffst“, dass du Freunde treffen kannst…und jede Aktivität verbraucht etwas von deiner eh schon knappen Energie. So kannst du einfach nicht vorher sagen, ob du morgen auch noch in der Lage sein wirst, deinem Alltag nachzugehen wie du es dir wünschst. Du „hoffst“ einfach.  So macht die ganze Welt Pläne und du „hoffst“, dass du ein Teil davon sein kannst. 

Wenn man ein Ereignis verpasst, ist es NICHT, weil man nicht dort sein möchtest. 

Der Grund ist nicht, dass es uns einfach nicht wichtig. Es kann eher daran liegen, dass unser Körper einfach nicht in der Lage ist. Häufig hast du eher zu viele Ereignisse vorher besucht, bis du es einfach nicht mehr schaffst. Stell es dir so vor, dass du Auto fährst und bereits die Reservelampe des Tanks leuchtet. Du denkst, wenn ich nun möglichst Sprit-sparend fahre, schaffe ich es schon noch. Aber irgendwann ist eben der Tank leer und du bleibst auf der Strasse liegen. Egal, wie stark du das Gaspedal durchdrückst, das Auto fährt einfach nicht mehr. Und so streikt eben auch der Körper, wenn er überfordert wird.

Ja, ja…Wir realisieren, dass wir in letzter Zeit häufig krank waren.

Uns darauf hinzuweisen, hilft uns nicht. Es führt nur dazu, dass wir uns wie ein total Ausfall fühlen..Als wenn wir eigentlich die Krankheit kontrollieren könnten, aber wir wählen lieber krank zu bleiben.

Ich hatte tatsächlich häufig die folgenden Gespräche in den starken Krankheitsphasen der Hashimoto:

„Wow, warst du nicht die letzten beiden Wochen krank? Du bist wirklich häufig krank. Vielleicht solltest du einmal versuchen, NICHT krank zu sein.“

„Du bist schon wieder krank? Du bist wirklich IMMER krank.“

„Nun, vielleicht solltest du es einmal mit Diät und Sport versuchen. Ich selbst habe einfach zweimal die Woche trainiert und für eine Weile auf meine Ernährung geachtet und gut abgenommen.“

„Du gehst aber ständig zum Arzt. Vielleicht solltest du dich einfach mal ausruhen und dann passt es auch wieder.“

„Was machst nur falsch in deinem Leben, dass du immer wieder so einen Mist anziehst?“

Manche Krankheiten können nicht geheilt werden.

Es gibt Krankheiten, die können nur „gemanagt“ werden. Als wir noch klein waren, dachten wir immer, wenn man krank wird, geht man zum Arzt, bekommt Medizin und dann passt wieder alles. Und dann läuft das Leben wieder in den gewohnten Bahnen. Und so ist es doch ein Schock zu wissen, dass selbst in 2015 es immer noch so viele Krankheiten gibt, die nicht heilbar sind.  Ärzte sind nun mal nicht Gott. Vielleicht raten sie manchmal und liegen falsch.  Vielleicht werden unterschiedliche Behandlungen über Jahre versucht und trotzdem wird keine Lösung gefunden. Vielleicht wird manchmal auch nie ein Lösung gefunden. Denn was für eine Person funktioniert, wirkt bei einer anderen vielleicht nicht.  Jeder Mensch ist unterschiedlich, und der Körper reagiert immer individuell. 

Eine chronische Krankheit geht niemals vorbei.

Es wird niemals geheilt werden. Es kann ohne Warnung einfach stärker werden und für unbestimmte Zeit so bleiben. Häufig ohne zu wissen, was es ausgelöst hat. Und darum hast du keine Kontrolle, wenn und wie stark die Symptome auftreten werden. 

Der Grund ist nicht, um alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

In Wahrheit ist es eher peinlich und lässt einen fühlen, als wenn man gescheitert wäre. Menschen, die mit einer chronischen Krankheit leben sind KEINE Hypochonder. Meist möchten die Betroffenen ihre Krankheit eher verbergen und nutzen deshalb Ausreden wie „Oh, ich hab heute mal wieder Kopfschmerzen“ oder “ Oh, ich bin heute einfach zu müde“ solange es geht.

Ja, Bestimmtes Essen macht mich krank.

Es ist sehr wichtig, auf die Ernährung zu achten, wenn man unter einer chronischen Krankheit leidet. Es gibt Nahrungsmittel, die sind nicht für die Heilung förderlich. Ganz im Gegenteil! Sie machen uns krank. Aus diesen Gründen ist es wichtig herauszufinden, welche Lebensmittel wir nicht vertragen. Dies kann einige Zeit dauern und ist auch für uns anstrengend. Bitte habt hier Verständnis und verurteilt dies nicht gleich als Essstörung. Nach dem Motto: „Oh, schon wieder eine neue Diät. Hast du nicht erst letztens erzählt, dass du nun auf Milch verzichtest? Nun auch auf Getreide. So kannst du ja nicht gesund werden. Du musst schon anständig essen…“

Und nun der wichtigste Punkt: Ich wünschte mir, dass Jeder wüsste, dass Menschen, die mit einer chronischen Krankheit kämpfen NICHT schwach sind! 

Denn diese Betroffenen verbringen 24/7 damit, ihre Krankheit zu bekämpfen, während sie ihren Alltag auch noch meistern, sich um Ihre Familien kümmern, arbeiten gehen und sogar ihre Träume verfolgen. Dies machen sie wirklich jeden Tag. Und diese Menschen – wie eine gute Freundin von mir, sind sogar die stärksten von allem.

Du möchtest dem Betroffenen helfen?

Dann sag, dass du erkennst wie stark er kämpft und dass es bewundernd ist, was er erreicht. 

Dann sag, dass es nicht seine Schuld ist.

Dann sag, dass er weiter kämpfen soll und niemals aufgeben soll.

Dann sag, wie sehr er gebraucht wird.

Sei verständnisvoll, wenn die Krankheit wieder stärker wird und biete an, einzuspringen.

Sag, was er dir bedeutet und zwar nur wegen seiner Persönlichkeit und nicht für irgendwelche Taten und Dinge.

Und wertschätze ihn, jeden Tag!

Carina Schnitzenbaumer

About the Author

Carina Schnitzenbaumer

Ich bin seit über 10 Jahren selbst von Hashimoto Thyreoiditis betroffen und habe viel erlebt: unwissende Ärzte, unzureichende Diagnosen, wenig verständnisvolle Bekannte und eine Verharmlosung meiner Symptome. In den letzten Jahren habe ich vor allem mich und meinen Körper sowie meine Bedürfnisse kennengelernt. So habe ich es geschafft in nur zwei Jahren meine Symptome in den Griff zu bekommen und wieder gesund zu werden. Durch eine Anpassung meiner Ernährung, meiner inneren Einstellung sowie die richtige Einstellung meiner Hormone, Vitamine, Mineralien und Spurenelemente habe ich meine Lebensenergie wieder zurück gewonnen. Diese Erfahrung möchte ich gerne mit euch teilen. Ich freue mich über regen Austausch und euer Feedback.

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Stefanie

Danke dir dafür! Ich konnte mich in allen Punkten in unterschiedlichen Ausprägungen wiedererkennen. Vor allem bei der Ernährung „Du machst aber auch jeden Trend mit…“ und danke für den letzten Punkt. Ich möchte nicht als krank und schwach wahrgenommen werden, denn es ist genauso wie du sagst. Wir schaffen unser Leben unter erhöhter Anstrengung, wollen teilhaben am sozialen Miteinander aber manchmal ist es einfach nicht möglich. Deshalb sind wir nicht schwach sondern sehr sehr stark, weil wir in einem anderen Bewusstsein unser Leben führen (müssen). Ich habe sogar gleich zwei „unheilbare“ Krankheiten, die sich scheinbar in Intensität und Auftreten abwechseln. Trotzdem versuche ich so gut ich eben kann da zu sein.
Liebe Grüße!

    Carina Schnitzenbaumer

    Hallo Stefanie,

    sorry erst einmal für meine späte Antwort. Dein Kommentar ist in all den „Spam-Kommentaren“ untergegangen. Ich habe mich riesig gefreut, dass mein Artikel dir gefallen hat. Manchmal fühle ich mich ganz allein unter Fremden. Meine Freunde, meine Familie und auch Arbeitskollegen tun sich einfach schwer das zu verstehen. Mittlerweile halte ich mich sehr zurück und teile meine Sorgen und Erfahrungen diesbezüglich lieber mit anderen Betroffenen. Ich wünsche dir alles Gute!

    Liebe Grüße,
    Carina

koehler ivonne

Wie recht du mit dem Artikel hast. Ich kämpfe seit Jahren mit diversen Krankheiten. Hab seit 2008 EU Rente. Hashi bekannt seit etwa 2 Jahren.
Bin 41. Fühle mich wie 55. Verständnis bei Ärzten gleich null. Ich solle doch abnehmen. Sehr witzig.
Weiss echt nicht mehr weiter

Kerstin

Ich finde deinen Text klasse. Ich leide zwar nicht unter unter Hashimoto, aber unter Morbus Bechterew, einer chronischen Rheumarischen Krankheit mit Schmerzen in der Wirbelsäule. Darf ich deinen Text verbreiten? Würde mich freuen wenn du dich mal per E-Mail melden würdest.
LG Kerstin

    Matthias Schuster

    Hallo Kerstin

    Ich hoffe, ich kann dir helfen. Ich kenne jemanden, der Morbus Bechterew erbte und bei sich selbst heilen konnte.

Ariane Blumenau

Sehr schön geschrieben!
Ich habe die Diagnose Hashymoto vor 4 Jahren bekommen …………………… bääääm. Ich nahm nämlich kontinuierlich zu egal was ich machte.Mein Mann betitelt mich als zu fett, anstatt mich zu unterstützen. Die Tabletten bringen nichts, ich nehme weiter zu, fühle mich elendig schlapp und könnte nur schlafen. Ich bin mega leicht reizbar und ja auch recht häufig krank.
Ich arbeite halbtags, habe Kinder Haus und Hof und div. Tiere, die ich versorge, mein Mann tut nichts, aber meckert, wenn ich nicht alles hinbekomme, was mich weiter lähmt.
Ich würde so gerne wieder meine Figur von vor 4 Jahren haben, aber egal was ich tue, wie viel oder wenig ich esse und mich körperlich stark betätige, ich nehme zu statt ab 🙁

Jens

Hallo,
endlich eine Seite in der die Facetten dieser Krankheit aufgezeigt werden. Ich selbst habe es seit fast 15 Jahren. Wie so oft sind die meisten Ärzte überfordert. Mein Hausarzt hat mich nicht darüber aufgeklärt, daß es auch zu psychischen Problemen kommen kann oder er wußte es selber nicht.
Dank des Internets und Seiten wie Deine, bekomme ich einen immer besseren Überblick über die Aus-und Nebenwirkungen. Mittlerweile bin ich der Überzeugung, daß Hashimoto meinen Reizdarm, Reflux und Depressionen/Angststörung mit auslöst, denn die Therapien der letzten Jahre waren nur teilweise erfolgreich.
LG
Jens

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